Ein Bierdeckel erzählt … -

Einblick in eine ganz normale Psychomotorik-Stunde im Verein zur Bewegungsförderung

Hallo, ich bin Pschorri, ein Bierdeckel.
Ich bin ein ganz besonders schöner Bierdeckel, viereckig, aus samtbeiger Pappe und mit zwei wunderschönen Bierkrügen auf meiner Vorderseite.
Lange Zeit lebte ich in einer Biergartenwirtschaft. Im Winter steckte ich meist zwischen Aschenbechern und vieler meiner Kollegen. Dunkel und muffig war es. Ab und zu wurde ich herausgezogen, lieblos auf einen Tisch geworfen und – zack ! – kam auch schon ein Weißbierglas auf mich niedergefahren und machte es sich auf meinem schönen Dekor gemütlich! Autsch!!
Im Sommer war es angenehmer. Ich war viel draussen und je nach dem, auf welchem Biertisch ich gerade zu liegen kam, konnte ich sogar den Chinesischen Turm sehen. Ja, war ich denn in China??
Doch eines Tages sollte sich mein Leben verändern!
Nichtsahnend räkelte ich mich gerade in der warmen Junisonne, als ich gepackt  und mit vielen hundert meiner Bierdeckelkollegen zusammen in eine große graue Kiste gesteckt wurde. Peng – Deckel zu ! War das eng hier! Wir wurden mitsamt der Kiste in ein Auto geladen und schon startete der Motor. Wir purzelten bei jeder Kurve  hin und her. Ich hatte große Sorge um mein Outfit, stellt Euch vor, es wäre mir eine Ecke abgeknickt!! Dann wurde es still.

Einige Tage blieben wir so in unserem neuen Zuhause eingepfercht. Doch der Augenblick kam, da wurde die Kiste  geöffnet – huch war das hell hier! Eine große Hand griff in die Kiste – sie gehörte einer Frau - und zog aus dem großen Bierdeckel-Wirr-Warr   – stellt Euch vor! – genau mich heraus. Sie hielt mich in die Höhe. Und was sah ich da??
 Ich befand mich in einer Turnhalle. Um mich herum saßen neun Mädchen und Jungs auf einer blauen dicken Matte. Sie hatten alle Turnhosen und Turnschuhe an. Auch die Frau war so angezogen. Nanu, was hatten die denn nun mit mir vor?? Ganz neugierig guckten die mich alle an. Beinahe wäre ich rot geworden.
Da hörte ich auch schon die Frau sprechen: „Wir spielen Schlangenschwanz-Fangen ! Ihr stellt Euch als eine Schlange auf. Clara, möchtest Du vorne der Schlangenkopf sein? Anton, möchtest Du als Hinterster der Schlangenschwanz sein ? Du bekommst den Bierdeckel in Deinen Hosenbund gesteckt. Nun versucht der Kopf den Schwanz zu fangen und den Bierdeckel zu schnappen. Dabei darf die Schlange nicht auseinanderreißen! Los geht´s !“
Und schon sausten die Kinder unter lautem Lachen und Gejauchze los. Hui – die konnten flitzen!! So schnell war ich in meinem Leben ja noch nie unterwegs. Und der Anton wackelte mit seinem Po ganz heftig hin und her, denn die Clara war schon ganz dicht an mir dran. Ein bißchen war ich ja schon für den Anton, weil´s in seinem Hosenbund so lustig war. Und so rutschte ich noch ein Stück tiefer hinein, um es der Clara etwas schwerer zu machen.
Aber die Clara war schnell und so erwischte sie mich schließlich doch.
„Nochmal! Nochmal!“ schrien die Kinder allesamt. „Ja, nochmal!“ hörte ich mich mitschreien. „Gut, wir machen noch eine Runde. Wer will der neue Kopf sein? Wer will der neue Schwanz sein?“ Die Frau war ganz schön nett, fand ich.
So flitzten wir noch einige Runden durch die Halle, bis wir allesamt erschöpft und schwer schnaufend auf die dicke blaue Matte plumpsten. Jipiiieh !!! Hat das Spaß gemacht – und alle waren dabei!
Gespannt darauf, was nun passieren würde, spitzte ich meine Ohren. Doch da nahm mich die Frau und legte mich zurück in die Kiste.
He – ich wollte doch noch weiterspielen!! War denn schon Schluß ???
Die Frau nahm die offene Kiste und stellte sie auf die Matte. „Schaut mal, Kinder, hier habe ich eine ganze Kiste voller Bierdeckel. Ihr dürft jetzt mal ausprobieren, was ihr mit den Bierdeckeln alles machen könnt!“
Oh, das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen. Beherzt griffen sie in die Kiste und zogen uns allesamt heraus.
Zunächst wurden meine Kollegen und ich quer durch die Halle geworfen, geschleudert, geschoben und gespickt. Ui, das war ein wunderbares Chaos. Nach der langen Enge in unserer Kiste konnten wir uns nach Herzenslust austoben. Vor lauter Übermut sprang ich auf die oberste Stufe einer Sprossenwand. Da oben hatte ich eine herrliche Aussicht. Während ich etwas verschnaufte, beobachtete ich wie Kinder und Bierdeckel etwas ruhiger wurden und anfingen tolle Sachen auszuprobieren.
Ich sah, wie zwei Kinder einen großen Turm aus meinen Freunden bauten.
Da hinten in der Ecke machte sich ein Mädchen eine hohe Bierdeckelkrone und balancierte sie auf ihrem Kopf.
Oh, auf der anderen Seite bauten zwei Jungs ein ganzes Strassennetz aus Bierdeckeln und liefen dann die Wege ab.
Und da! Schaut! Da haben sich der Anton und zwei seiner Freunde einen Eimer geholt und spielen Zielwerfen in den Eimer! Ich bin ganz stolz auf meine Bierdeckelkumpel, wie gut die in den Eimer springen können.
Bei all den spannenden Sachen, die ich da sah, hielt es mich nicht mehr länger auf meinem Ausguck. Ich rutschte von der Sprosse und legte mich ganz nah zu Clara hin, die gerade ausprobierte, wie viele Bierdeckel auf ihren Arm passten. Oh, ich wollte auch da hinauf und ich rutschte noch ein Stück näher an sie heran.
Juchhuu! Sie nahm mich und legte mich behutsam auf ihren Unterarm. Ja, war das wackelig hier. Aber ich gab mir ganz viel Mühe, nicht herunterzufallen. 7 Bierdeckel passten auf ihren Arm und wir hielten uns gut aneinander fest. Clara und wir waren mächtig stolz.
Da hörte ich die Frau sagen: „Guckt mal, was die Clara kann. 7 Bierdeckel kann sie auf ihrem Arm balancieren!“ Hui, da waren wir alle gleich noch viel stolzer!
Die anderen Kinder fanden es auch toll und probierten  gleich mit. Dann wanderten wir von den Armen auf die Rücken, die Beine, die Füße, ja sogar auf Bäuchen wurden wir balanciert. Und das Mädchen, das vorhin in der Ecke gespielt hatte,  präsentierte voll Freude seine Krone.
Dann besuchten und bewunderten wir noch die anderen Bau- und Kunstwerke: den Turm, der inzwischen zu einer großen Ritterburg angewachsen war, und das Strassennetz mit integriertem U-Bahn-Netz von München.
Die Kinder erzählten spannende Geschichten zu ihren Bauwerken. Und ich staunte, wozu Bierdeckel doch in der Lage waren.
Nun rief die Frau alle Kinder auf die dicke blaue Matte. Sie sagte, die Stunde sei nun bald zu Ende und sie wolle noch eine schöne Entspannung mit den Kindern machen. Na, da war ich aber mal gespannt, denn eine Entspannung konnte ich jetzt auch gut vertragen nach all den aufregenden Abenteuern, die ich in den letzten 45 Minuten erlebt hatte.
Die Kinder gingen paarweise zusammen. Einer von ihnen legte sich gemütlich auf die Matte. Manche machten sogar die Augen zu. Der andere schnappte sich einen Haufen Bierdeckel. Fein, ich war mit bei Anton! Anton nahm mich und legte mich sehr behutsam auf den Rücken von seinem Partner, der übrigens Phillip hieß. Anton drückte mich noch etwas fester. Das war schön! Ich kuschelte mich noch enger an Phillip und ließ meine ganze Wärme auf seinen Rücken strahlen. Und meine Kollegen, die Anton dicht neben mich legte, machten es mir nach. Ich glaube, dem Phillip gefiel das ganz schön gut, denn er hielt ganz still, obwohl er vorher immer wieder mal so zappelig gewesen war.
Als sein ganzer Körper von uns bedeckt war, begann Anton, jeden Bierdeckel wieder einzeln abzustreifen. Hihi, das kitzelte ein bißchen!
Dann wurde gewechselt. Anton durfte sich hinlegen und Phillip legte uns auf seinen  Körper. Ich glaube, beinahe wäre uns der Anton eingeschlafen, so entspannt war der.
Nun war unsere Stunde tatsächlich schon vorbei. Wir wurden in die Kiste zurückgepackt. Ich hörte noch, wie die Kinder und die Frau sich im Kreis auf der Matte voneinander verabschiedeten und dann aus der Halle liefen. Nie wieder würde ich zurück in die Biergartenwirtschaft gehen wollen. Wie war ich froh, dass ich hier in der Turnhalle gelandet war und so spannende Dinge erleben durfte.
Doch was hatte ich da erlebt ?? Wie hieß das, was die Kinder und wir Bierdeckel heute erfahren durften??
Die Antwort erhaschte ich noch aus einem Gespräch der Frau mit Phillips Mama:
Es war
PSYCHOMOTORIK !!!
Und dann schlief ich völlig erschöpft, aber glücklich ein.

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